Vordere Kreuzbandverletzungen - ein grösseres Problem der Frauen?


WIR IM SPORT 01.2026
Magazin des Landessportbundes NRW

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Unter anderem oder vielleicht gerade wegen der Erfolge der Frauennationalmannschaften im Fußball und Handball hat das öffentliche Interesse an Besonderheiten des Verletzungsmusters im weiblichen Bereich zugenommen.

Anhand prominenter Beispiele wird insbesondere die vordere Kreuzbandruptur in der medialen Landschaft zum Anlass genommen auf dringend notwendige Veränderungen in der Prävention, also Vorbeugung, solcher Verletzungen hinzuweisen.

Je nachdem auf welche Forschungsergebnisse man sich bezieht, ist das Risiko einer Kreuzbandverletzung der Frauen in etwa drei- bis sechsmal höher. Dies gilt insbesondere für die sogenannten „non-contact“-Verletzungen, also Ereignisse ohne Einwirkung eines Gegenspielers.

Das sind die möglichen Gründe 

Die Gründe werden in verschiedenen Bereichen gesucht. Anatomische und funktionelle Unterschiede bilden dabei häufiger auftretende X-Beine, bzw. die Landung im X-Bein bei Frauen und eine Dominanz der vorderen Oberschenkelmuskulatur auf Kosten der eigentlichen das vordere Kreuzband unterstützenden Muskulatur des hinteren Oberschenkels. Eine etwas andere knöcherne Konfiguration der am Kniegelenk beteiligten Strukturen sowie die Rumpfstabilität spielen eine Rolle. Resultierend im Geschlechtervergleich besteht eine vermehrte Belastung des vorderen Kreuzbandes bei weiblichen Sportlern. 

In der Ursachenanalyse wird weiterhin ein Einfluss des Hormonhaushaltes durch den Menstruationszyklus diskutiert. Grundlage hierfür bilden verschiedene Untersuchungen, die den zeitlichen Zusammenhang einer bestimmten Zyklusphase oder Einflussnahme der weiblichen Hormone auf die Reißfestigkeit des vorderen Kreuzbandes nachweisen konnten. 

Während die knöchernen Unterschiede als gegeben hingenommen werden müssen oder nur zum Teil und dann durch aufwendige, vorbeugende, häufig nicht vertretbare Operationen verändert werden können, lässt sich eine allgemeine Präventionsstrategie aus der aktuellen Datenlage hinsichtlich des Hormonhaushaltes nicht ableiten. Zu unterschiedlich sind sowohl die derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch das hormonelle Profil während des Menstruationszyklus einzelner Sportlerinnen und auch zwischen den einzelnen Zyklen einer Person.

Der Fokus der Prävention sollte also zunächst insbesondere in den funktionellen Unterschieden und deren Verbesserung liegen. Ziel ist die verbesserte, individuelle Vorbereitung auf die physische Beanspruchung. Das Bewusstsein für muskuläre Dysbalancen und Seitendifferenzen, Defizite in der Rumpfstabilität und typische Bewegungen und Verletzungssituationen sollte geschärft werden. Mittlerweile gibt es gute Untersuchungen, die zeigen, dass das Risiko zum Beispiel einer Kreuzbandverletzung und anderen Verletzungen durch entsprechende Präventionsprogramme wie beispielsweise FIFA11+ deutlich reduziert werden kann. Gezielte Übungen wie beispielsweise exzentrisches Krafttraining („Nordic Hamstrings Exercise“) wirken protektiv.

Dr. med. Tobias Schmenn

Ärztlicher Direktor 
Medical Operations Coordinator
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin